Sabine C. Meyer / Kampala, im November 2010

 

Ostafrikanischer Lichtblick

 

Praktizierte Menschlichkeit: In Uganda behandelt eine spendenfinanzierte Rehabilitationsklinik die Leiden behinderter Menschen

 

Oh nein, dazu habe ich keine Lust! Dachte ich, als Simon Bridger mich fragte, ob ich nicht einmal über seine Klinik berichten wolle. Arme Kinder in Afrika, die auch noch behindert sind– das verkauft sich nicht an deutsche Zeitungen, antwortete ich ihm, „Wer will das lesen?!?“  Er lächelte resigniert: „Genau das ist unser Problem.“ Damit hatte er mich. Und so stehe ich nun in der Eingangshalle von CoRSU, dem größten Zentrum für orthopädische, plastische Chirurgie und Rehabilitation in Ostafrika, wenige Kilometer entfernt von Entebbe am großen Viktoriasee.    

 

Die Wartenden

Die Kinder hier, die spielen nie Fußball. Sie sitzen still auf den langen Bänken vor der Patientenaufnahme oder schlafen erschöpft in den Armen ihrer Mütter. Die Leute sind in ihren besten Kleidern gekommen. Es sind geduldige Menschen. Viele waren tagelang unterwegs: Sie haben den Staub und die Hitze der Strasse ertragen, in überfüllten Bussen geschlafen, und nun sind sie am Ziel. Monatelang, oft jahrelang haben sie gelitten: an einer Infektion der Knochen, an angeborenen Klumpfüssen, an nicht verheilten Brüchen, an fürchterlichen Brandnarben. Aber die Leidenden und Mitleidenden in diesem Saal, die klagen nicht. Sie warten ruhig, versunken in einem zaghaft und vorsichtshalber nur ganz leise empfundenen Gefühl, das man vielleicht mit „erwartungsfroh“ umschreiben kann. Sie hoffen auf Hilfe. Dieser Wartesaal ist ein heller, lichtdurchfluteter Ort.

 

„Wir kümmern uns hier um die Menschen, die auf der Prioritätenliste des ugandischen Staates und in der internationalen Entwicklungshilfe ganz am Schluss stehen: um Behinderte“, sagt Simon Bridger, ein in Kenia aufgewachsener Brite von 57 Jahren. Wie im englisch geprägten Uganda üblich, sprechen wir uns mit Vornamen an. Simon ist der Geschäftsführer dieser 125-Betten-Klinik, in der Kinder armer Leute kostenlos operiert werden. Soweit die Eltern in der Lage sind, müssen sie sich aber an den Kosten der Anamnese und Rehabilitation beteiligen. In den 18 Monaten seit Aufnahme des Betriebes in April 2009 wurden über 6000 Operationen durchgeführt, zu 80% an Kindern und zu 20% an behinderten Erwachsenen. CoRSU arbeitet mit 15 Partnern – Krankenhäusern, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Missionsstationen – aus allen Landesteilen zusammen. Wenn möglich, nehmen diese die Patienten wenige Tage nach der Operation wieder zur Nachsorge auf. Und wer finanziert CoRSU? Die Christoffel Blindenmission, eine früher deutsche, heute internationale Spendenorganisation trug 2009 mit ca. 3,8 Euro fast 70% des jährlichen Unterhaltes. Operation und Rehabilitation eines Kindes kosten durchschnittlich 250 Euro, erklärt Simon: „Wenn ich gefragt werde, wie steht es denn um die Nachhaltigkeit des Projektes, dann antworte ich: Die Nachhaltigkeit sehe ich in jedem Kind, das diese Klinik geheilt oder gut versorgt verlässt und ein menschenwürdiges Leben führen kann.“      

 

Eine junge Frau manövriert ihren Rollstuhl ins Zimmer: Das ist Irene, unsere PR-Beauftragte, stellt Simon sie vor. Ihr distanzierter Blick trifft mich, noch bevor ich ihr die Hand schütteln kann. Sie wird mir jetzt die Klinik zeigen. Draußen auf dem Gang frage ich forsch – obwohl es mir schwerfällt - was mit ihren Beinen sei. Kinderlähmung, antwortet sie, mit zwei Jahren sei sie an Polio erkrankt. Diese Seuche ist inzwischen durch ein erfolgreiches Impfprogramm in Uganda so gut wie gebannt. Die Fälle, die hier behandelt werden, seien „alte Fälle“, sagt sie, „so wie ich eine Überlebende bin“. Im Krankenhaus sehe ich dann eine Polio-Patientin: Ein junges Mädchen, zugedeckt bis zum Hals, aus dem Laken ragen zwei hoch gelagerte, frisch eingegipste, krumme Beine. Ihr Name ist Shamin, sie ist 16 Jahre alt. Mit drei habe sie Kinderlähmung bekommen und sei seitdem nie mehr in ärztlicher Behandlung gewesen, berichtet ihre ältere Schwester, die neben der frisch Operierten auf dem Bett sitzt. - Die Kranken hier werden von ihren Angehörigen betreut, erklärt mir Irene. Nachts breiten sie ihre Matten auf dem Fußboden aus. „Wenn möglich, erlauben wir den Müttern, neben ihren Kindern im Bett zu schlafen“, sagt sie, und man versteht sofort, warum: Um die Kinder zu wiegen und zu trösten in ihrem Schmerz, der groß ist in der Nacht.           

 

Irene lässt mich durch ein Fenster in den Operationssaal schauen. Ein Kind liegt auf dem Operationstisch, nur sein kleiner brauner Arm ist zu sehen, der Chirurg arbeitet an einer Wunde an seiner Schulter. Ich sehe den weißen Knochen, das rote Blut, und wende mich ab. Wir gehen um den Operationstrakt herum, ich schiebe Irenes Rollstuhl durch die sengende Sonne. Im Schatten unter dem Vordach warten Leute auf einer Bank. Eine uralte Frau betet. Dann erzählt sie, dass ihr Enkelsohn gerade operiert werde. Und eine bildschöne, noch sehr junge Frau zeigt das zarte Händchen ihres Babys: Es steht rechtwinklig ab, eine angeborene Deformation. Irene ist optimistisch, sagt, das kriegen wir gut hin, ein englischer Handchirurg arbeite hier. Wenn die Knochen so jung und weich sind, ist sowas kein Problem, das wachse sich, einmal korrigiert, zurecht. Ich werfe einen Blick in den Aufwachraum. Eine Schwester hält ein Kind im Arm, zwei andere beugen sich über einen anderen Patienten. Wie sauber hier alles ist! So hell, so luftig, so durchgeplant, so ungewohnt ordentlich. Für afrikanische Verhältnisse. Und was für ein freundliches Personal. - Simon hat dazu bemerkt, er beschäftige nur die besten Leute. Niemanden, der mal zur Arbeit erscheint, oder auch nicht. Das gibt es nicht in dieser Klinik.    

 

Ali, der Junge mit der Knocheninfektion

Ali kommt auf seinen Holzkrücken näher, seine linker Unterschenkel vielfach durchbohrt von Metallspießen, die den Knochen fixieren. Nur nachts tue das Bein noch weh, sagt er und freut sich, Irene zu sehen. Sie kennt die meisten Kinder mit Namen, nimmt ihre Hände, streichelt ihre Köpfe, scherzt mit ihnen. Sie haben Zutrauen zu ihr. Was für ein pfiffiges Gesichtchen der kleine Kerl hat! Acht Jahre ist Ali alt. Letztes Frühjahr hat er sich das Bein gebrochen, ein Unfall in einem Bus, er ist bei einem Bremsmanöver unglücklich unter den Sitz gerutscht. Den offenen Bruch behandelte zunächst ein traditioneller Heiler, dann entzündete sich die Wunde. Die Mutter brachte ihn ins staatliche Krankenhaus von Entebbe, und dort hat man das infizierte Bein eingegipst. - Ich bin entsetzt. In den Hospitälern außerhalb von Kampala könne man eben das Pech haben, nur eine Krankenschwester anzutreffen, klärt mich Irene auf. „Als Ali im Sommer vor einem Jahr zu uns kam, konnte er keine Nahrung mehr zu sich nehmen. Er war  sterbenskrank.“ Sein Unterschenkelknochen war durch die Knocheninfektion fast zerstört, ein großes Stück musste entfernt werden. Am verbleibenden Knochen wurde eine Apparatur befestigt, die den Knochen jeden Tag um einen Millimeter streckt, bis die Lücke wieder geschlossen und der Knochen geheilt ist. Anfangs ist diese Prozedur sehr schmerzhaft, dann gewöhnen sich die Patienten daran. Eine ganze Schar von ihnen humpelt über das Gelände, ein Mädchen im bunten Rock veranstaltet gewagte Turnübungen an einem Geländer. Sie alle sind der Amputation ihrer Gliedmaßen, vielleicht sogar dem Tod entgangen.

Knocheninfektionen sind in Uganda weit verbreitet. Arme Kinder sind dafür anfällig, weil ihr Immunsystem durch schlechte Ernährung und häufige Infektionen wie Malaria geschwächt ist, und sie den ganzen Tag barfuss draußen spielen und sich leicht verletzen.

 

Vor der orthopädischen Werkstatt treffen wir einen Angestellten, der Irene mit viel Hallo begrüßt. Dann schauen die zwei interessiert einem Jungen nach, der ganz auf seine Fortbewegung konzentriert ist. Tack, tack, tack, schwungvoll schlägt er die hölzernen Krücken auf den Plattenweg, schon ist er um die Ecke gebogen und nimmt kraftvoll den Aufstieg zur kleinen Anhöhe in Angriff. „Wir haben ihm erst vor zwei Wochen Spezialschuhe angepasst, wie gut er schon gehen kann!“ staunt der Orthopädietechniker. Der Siebenjährige mit dem ernsten Gesicht sei bis dahin nur gekrabbelt. – Im Schatten vor der Werkstatt übt ein junges Mädchen, entstellt durch Brandnarben, an einer Hand verkrüppelt, das Gehen mit einer Prothese. Unter den schwingenden Rüschen ihres leuchtend roten Rockes schaut ein grauer Plastikstab hervor, an dem ein schwarzer Schuh befestigt ist. Die Techniker hier sind in der der Lage, anspruchvollste Prothesen nach europäischem Standard herzustellen. Aber dafür gibt es keine Nachfrage in Uganda. Die Leute sind mit den einfachsten Modellen zufrieden, und können oft nicht einmal die bezahlen: 300.000 ugandische Schilling, rund 100 Euro, muss ein Erwachsener für eine Vollprothese bezahlen. Ein Vermögen für hiesige Verhältnisse. Darum scheitern auch viele Entwicklungsprojekte zur Ausbildung von Orthopädietechnikern, hatte mir Simon erklärt: Weil man von diesem Handwerk in Afrika nicht leben kann. Der Bedarf ist zwar hoch, aber die Kunden haben kein Geld.                

 

Andrew, der Chirurg

Der Chirurg Andrew Hodges zweigt sich 20 Minuten von seiner Mittagspause ab, um mit mir zu reden, und wippt dabei unablässig mit dem Fuß. Der 48jährige Leiter der Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie ist Engländer: graues Haar, bleiches Gesicht, hagere Gestalt, reserviertes Verhalten, nur die Augen wirken noch jung. Schon 12 Jahren lang lebe und arbeite er in Uganda, erzählt er, anfangs als Chirurg in einem ländlichen Missionshospital. Weil er damals den hohen Bedarf für plastische, wiederherstellende Chirurgie erkannte, ging er für sechs Jahre zurück nach Großbritannien und spezialisierte sich. Dann kam er zurück nach Uganda, arbeitete für die Christoffel Blindenmission und gründete die CoRSU Klinik mit. „Wir sind einzigartig in Ostafrika, was Gebäude, Ausstattung und Expertise betrifft. Wir operieren hier wie in Europa.“, stellt er sachlich fest. „Der Unterschied ist: Unsere Patienten kommen erst im weit fortgeschrittenen Stadium zu uns. Gestern habe ich ein Mädchen operiert mit einem Tumor von der Größe einer Orange, der aus der Augenhöhle wuchs. So etwas sieht man in Europa nur noch sehr selten.“ Den zweiten großen Unterschied mache die Art der Erkrankung aus. Neben Knocheninfektionen sind Verbrennungen bei Kindern häufig: Die Frauen kochen über dem offenen Feuer, das Kleinkind stolpert und stößt gegen den großen Topf, überschüttet sich mit heißer Flüssigkeit. Oder eine Kerze, eine Kerosinlampe fällt um, das Grasdach der Hütte steht sofort in Flammen. Die wenigsten Unfallopfer landen auf den Verbrennungsstationen der Krankenhäuser; die meisten bleiben unversorgt. „Irgendwann heilen die Wunden. Aber oft bleiben fürchterliche Narben zurück, die die Bewegung der Gelenke einschränken, und die Betroffenen tragen schlimme Behinderungen davon.“ Obwohl schwere Fälle nicht nur aus Uganda, sondern auch aus dem angrenzenden Südsudan, dem westlichen Kongo und nördlichen Tansania nach Kisubi geschickt werden, „kommen auf einen Fall, den wir hier  behandeln, hundert andere dort draußen.“

 

Ich frage ihn nach der Verantwortung des Staates, für Behinderte zu sorgen. Schließlich ist Uganda 2008 der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten. Soweit er wisse, antwortet Andrew, gibt es keine Unterstützung für Behinderte. „Wenn man das allgemeine Niveau der Gesundheitsversorgung in Uganda betrachtet,  gibt es weit brennendere Probleme.“ Zum Beispiel die furchtbar schlechten Zustände in der Geburtshilfe. „Selbst im Mulago-Hospital in Kampala sterben Mütter, sterben Babys, nur weil es vielleicht mal gerade keine sterilen Handschuhe gab.“ Die ärztliche Basisversorgung sei nicht gegeben, das zeige schon ein Blick auf die Kindersterblichkeit: Beinahe jedes siebte Kind in diesem Land stirbt vor dem fünften Lebensjahr, zumeist an einer vermeidbaren Infektionskrankheit, berichtete UNICEF 2009. „Mit Blick auf die gesamte Bevölkerung gibt es für die Regierung dringendere Aufgaben als die Versorgung Behinderter. Für uns in CoRSU aber zählt jeder einzelne Mensch.“

 

Er liebe seine Arbeit, ja, meint Andrew Hodges am Schluss. Sie sei sehr fordernd, aber auch sehr befriedigend. „Manchmal können wir Leben retten. Aber unsere eigentliche Aufgabe ist: Wir ändern Leben. Manchmal genügt eine einfache Operation, und für das Individuum ändert sich alles. Auf die Lebenszeit eines Menschen bezogen, ist das viel. Das ist es, was mich befriedigt.“                 

 

(Teil 2)

 

Irene, die Kämpferin

Ein paar Tage später bin ich wieder da, um Irenes Geschichte zu hören. Sie hievt sich aus dem Rollstuhl auf einen sicheren Platz hinter ihren Schreibtisch. Vor wenigen Monaten wurden ihre Füße, die in klobigen orthopädischen Schuhen stecken, operiert. In Zukunft, so hofft sie, wird sie sogar ohne Krücken laufen können.

Irene Nabalamba beginnt, von der Vergangenheit zu erzählen. Sie erzählt erst ruhig, mit wohlbedachten Worten, dann überfällt sie die Erinnerung: Sie wird lebendiger, lauter, sie ahmt mit schriller Stimme ihre Lehrer nach und die Kinder auf der Straße, die sie als Krüppel beschimpften; sie kommt bei manchen Fragen ins Stocken, überlegt, überwindet sich, überrascht dann mit ihrer Antwort. Ich höre gebannt zu und denke: Was für eine schöne junge Frau. Diese sprühenden Augen, die weichen Arme, der volle Busen unter dem zarten Organza ihrer Bluse. Sie ist 28 Jahre alt, eine reife und starke Frau, die klar und entschieden ihre Meinung vertritt: „Nichts wird in diesem Land für Behinderte getan.“ Die Regierung behaupte zwar, es gäbe freie medizinische Behandlung in den staatlichen Krankenhäusern: „Aber das ist ein Mythos. Jeder weiß: Es gibt dort keine spezialisierten Mediziner, keine Physiotherapie, nichts gibt es!“ Der Staat habe kein Geld, verteidige sich die Regierung. „Sie haben Geld, um die Armee auszustatten. Aber kein Geld, um den Bedürftigsten in unserer Gesellschaft zu helfen – ich halte das für eine Lüge!“ Die Unterstützung der Behinderten überlasse der Staat den NGOs. In CoRSU werde die Arbeit getan, die eigentlich der Staat tun müsse. “Ich fordere die Regierung auf: Hört auf zu reden, handelt!“   

 

Eine Kindheit mit Kinderlähmung

Auch heute noch wird eine Behinderung in Uganda, vor allem auf dem Lande, als Stigma angesehen. Ein Fluch liegt über einer Frau, die ein behindertes Kind zur Welt bringt. Sie bringt Unglück über die Familie. „Vielleicht ist sie ja verhext?“, wird dann im Dorf gemunkelt. Aus Furcht, dass dieses Unglück ansteckend ist, heiratet man besser nicht in diese Familie ein. Vor der Gemeinschaft werden diese Kinder gerne versteckt – auf der Strasse sieht man daher nie ein behindertes Kind.

 

Als Irene 1984 mit zwei Jahren an Kinderlähmung erkrankte, dachten die Leute damals auch, sie sei verflucht worden. Sie überlebte, aber ihre Unterschenkel und Füße blieben teilweise gelähmt. Bis zum Alter von acht Jahren konnte sie nur am Boden kriechen. „Dann trug mich meine Großmutter auf dem Rücken ins Mulago-Hospital“, erzählt Irene, „ über eine Entfernung von 20 Kilometern!“. Dort schiente man ihre Beine und brachte ihr das Laufen an Krücken bei. Sie konnte nun die Schule besuchen. Aber es war nicht einfach, vor den Mitschülern zu bestehen: „Ich war so anders, so fremd.“ Und wie reagierten die Lehrer? „Sie waren der schlimmste Alptraum!“ Denn sie war ein verspieltes, eigensinniges Kind. „Die Lehrer schlugen mich, sie misshandelten mich, sie beleidigten mich. Sie schrieen mich vor allen an“, erinnert sich Irene, und ihre Stimme kippt ins Schrille: „Seht sie nur an! Sie sieht so aus, weil sie sich schlecht benimmt! Du…Du…was willst Du machen, wenn du groß bist? Kein Mann wird Dich jemals heiraten, so komisch wie Du aussiehst!“

 

Ich will wissen, wie sie zur Schule gekommen ist. „ Ich bin über sieben Kilometer gelaufen! Ich weiß auch nicht, wie ich das geschafft habe. Ich war damals sehr klein und leicht, aber ungeheuer stark! Meine Mitschüler sind zur Schule und wieder zurück nach Hause gerannt -und ich wollte mit ihnen mithalten. Das war schwierig, und manchmal musste ich eine Pause einlegen, um wieder zu Atem zu kommen, aber dann ging es weiter!“ Mit ihrem hinkenden Bein rechts, 10 cm kürzer als das andere. Mit einem nach innen verdrehten Fuß links. Ohne Krücken und ohne stützende Eisenschienen, weil die so geschmerzt hatten. Wenn Passanten des Weges kamen, staunten sie: „Es sah immer so aus, als ob ich gleich hinfalle!“

 

Irenes Eltern – die Mutter war 17 bei ihrer Geburt - hatten sich bald nach ihrer Erkrankung getrennt. Irene wuchs mit vier weiteren Kindern ihres Vaters bei seiner Mutter auf. Nach dem Vater gefragt, kommt Irene ins Stocken. „Mein Vater, „antwortet sie schließlich, „gehört zu der Sorte Männer, die Kinder zeugen und sie dann ihrer Mutter in Obhut geben. Das war meine Großmutter.“ Die „Jjaja“, von der sie mit Wärme spricht: „Ich liebe meine Großmutter, denn sie hat mich immer wie alle anderen Kinder behandelt. Wenn Wasser geholt werden musste, bin ich gegangen, genauso wie meine Geschwister. Wenn sie gekocht hat, habe ich geholfen, wie die anderen auch. Nie hat meine Großmutter ein schlechtes Wort zu mir gesagt. Sie war immer gut zu mir.“ Zuhause war sie glücklich.

 

Die Demütigungen in der Schule hörten auf, je älter und klüger Irene wurde. Die Lehrer in der weiterführenden Schule waren zurückhaltender. Sie fingen an, Irene zu mögen. Aufgrund ihrer Leistungen gewährte man ihr ein Stipendium, denn der Großmutter war das Geld ausgegangen. Sie konnte das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Die Familie war arm.

 

Gab es denn keine Hilfe von der Kirche, frage ich. Uganda ist schließlich ein tief religiöses, christlich geprägtes Land. Den Sonntagvormittag pflegen die Ugander in der Kirche zu verbringen, das Land hallt wider von den Hallejula-Rufen. „Ach, die Kirche“, antwortet Irene leise, blickt auf ihren Schreibtisch, schiebt einen Schreibblock hin und her. „Es hängt davon ab, in welche Kirche Du gehst, es gibt ja viele in Uganda.“ Sie weicht aus. „Wenn Du aufstehst und laut um Hilfe schreist, dann tun sie vielleicht was. Aber von sich aus nicht. Sie beten nur für Dich.“ Haben sie auch für Dich gebetet, will ich wissen. Ja, sagt sie, als sie 16 war. Damals ging sie gerne in die zur anglikanischen Glaubensgemeinschaft gehörende Church of Our Saviour. Dort betete die ganze Gemeinde für sie: “Get cured, get cured! - Werde gesund, werde gesund!“ Ihre Stimme wird schmerzvoll hoch, als sie den Chor der Stimmen nachahmt. „Wenn sie jeden Tag für Dich beten und nichts passiert, muss das Problem wohl bei Dir liegen. Das macht Dich fertig. Und Du fürchtest Dich, dort wieder hinzugehen, denn sie könnten sagen: Du hast den Glauben nicht.“ Ja, der Druck der Kirche sei hoch, schließt Irene dieses Kapitel ihres Lebens ab, sie habe das auch von anderen Behinderten gehört. Die immer gleiche Geschichte: „Die Kirchen akzeptieren uns nicht als behinderte Menschen. Sie wollen uns ändern, wir sollen normale Personen werden. In den meisten Fällen ist das eben nicht möglich.“ Sie sage ja nicht, Gott tue nichts: „Aber er tut das eben auf sehr unterschiedliche Art und Weise.“ - War es vielleicht sein Plan, Irene zur Kämpferin zu schmieden?

 

Und mit Klugheit auszustatten? Irene hat die Schule als Beste ihres Jahrganges abgeschlossen und ein Begabtenstipendium der Makerere Universität in Kampala erhalten. Sie studierte Sozialarbeit und Soziale Verwaltung. An der Universität spielte ihre Behinderung zum ersten Mal keine Rolle; es war einfach „cool“ an der Uni, es ging ihr gut dort. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie drei Jahre in einem Verein für aidskranke Kinder. 2009 wechselte sie als Public Relations- und Projektmanagerin zum damals neu eröffneten Rehabilitationszentrum CoRSU.

 

Die finsteren Zeiten sind vorbei

Zum Glück seien die finsteren Zeiten vorbei, die sie noch vor Jahren erlebt habe, resümiert Irene am Ende ihrer Erzählung. Heutzutage seien die Leute informierter, die Arbeit der Behindertenorganisationen wirke sich aus. Auch das „Programm zur gemeindenahen Rehabilitation“ in den umliegenden Ortschaften von CoRSU trüge dazu bei, dass sich die Einstellung der Leute ändere. Zwar langsam, aber es tue sich was: „Wenn ich heute durchs Dorf gehe, rufen die Leute mir nicht mehr „Kalema - Krüppel!“ hinterher, höchstens noch die Kinder.“ Stattdessen sagen sie ihr: „Disability is not inability! - Behinderung bedeutet nicht Unfähigkeit!“ Das ist der neue Slogan.

 

Irene schaut aus dem Fenster auf eine Gruppe Jungs mit eingegipsten Beinen. Zwei sitzen hintereinander in einem Rollstuhl und vergnügen sich, der dritte macht Faxen mit den Krücken. „Wenn ich einen zehnjährigen Jungen mit Klumpfüssen in die Klinik kommen sehe, bin ich traurig und froh zugleich. Traurig, weil ich weiß, er muss eine Operation durchstehen. Eine Operation, die hätte vermieden werden können, wenn er im Alter von zwei Monaten orthopädisch behandelt worden wäre. Und ich bin froh, weil sich für diesen Jungen das Leben ändert. Er wird gehen können! Es wird Hoffnung für ihn geben. Er wird das Licht sehen! Ein Licht in der Dunkelheit, das ich nicht gesehen habe, als ich in dem Alter war.“ Irene wird still. Wie ernst und schön sie das vorgetragen hat. Es ist ein gutes Schlusswort.

 

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Kontakt:

Sabine C. Meyer

Uganda/Kampala

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